Brigitte Bruckner-Mikl

Sophie Cieslar, Brigitte Bruckner- Von der Seele der Dinge, Juni 2014

In der Malerei kann es um Vieles gehen, um das perfekte Abbilden der Natur, um die richtige Perspektive (in jeder Hinsicht), um das Erfassen von Raum, um Formen, Farben und Licht und welche Effekte damit erzielt werden können. Es geht aber auch um Gefühle, um Botschaften, die vermittelt werden sollen. Jeder Künstler verpackt ein Stück seiner Selbst in seine Arbeiten und hofft, dass sich dieses auf den Betrachter überträgt und bei ihm gewisse Empfindungen auslöst oder zu Gedankengängen anregt.

Beim Betrachten der Bilder von Brigitte Bruckner werden unsere Sinne gefordert. Zunächst sind es die bunten, kräftigen Farben die Lebensfreude evozieren. Vor allem in den Landschaften und Interieurs, die Assoziationen mit Henri Matisse wecken, taucht man ein in eine Welt voll südlichem Flair, geprägt von einer Leichtigkeit und einer lichterfüllten Atmosphäre. Wie im Fauvismus geht es Brigitte Bruckner nicht um die illusionistische Darstellung eines Gegenstandes oder eines Landschaftsraums. Es geht um den malerischen Zusammenklang der einzelnen Farbflächen,  die teils in satten Tönen, teils lasierend nebeneinander gesetzt werden. Stellenweise, wie zum Beispiel in den in ihrem Atelier am Zauchensee entstandenen Seebildern, lässt sie die Farbe einfach die Leinwand herunterrinnen, stellt so einerseits die Verbindung zum fließenden Element Wasser her und baut aber andererseits auch ein transitorisches Element ein. Das Rinnen der Farbe steht sinnbildlich für die Veränderungen in der Natur, die den Witterungen und Jahreszeiten unterworfen ist. Licht, Raum und Farbe sind in diesen Bildern gleichwertig.

Einen Schwerpunkt im Schaffen der Künstlerin nimmt zweifelsohne das Stillleben im weitesten Sinne ein. Betritt man ihr Atelier so findet man eine Ansammlung an arrangierten Settings, die zum Malen anregen. Es ist laut Brigitte Bruckner einmal das eine, einmal das andere Motiv, das den Arbeitsprozess in Gang setzt. Da steht eine rote Vespa, neben einem alten Karussellpferd, verschiedene Stühle, die sich auf ihren Bildern wiederfinden, erblickt man da, Schüsseln, Vasen voller Pinsel, ein Koffer mit Puppen, Schuhe, jeder Gegenstand kann Protagonist eines ihrer Bilder werden. Ein Regenmantel hängt an einem Haken, dahinter ein gemütliches Sofa. An diesem Motiv arbeitet sie gerade. Wie jedes der Brucknerschen Bilder erzählt auch dieses eine Geschichte und wirft Fragen auf. Wem gehört der Mantel, wohin ist der Besitzer gegangen? Das Kleidungsstück lässt noch die Köperformen seines Trägers erahnen, eigentlich würde man sich gar nicht wundern, wenn der Mantel selbst gehen könnte, so ist er mit Leben erfüllt. Ähnlich ergeht es einem auch beim Betrachten eines Bildes, das einen gemütlichen Korbstuhl auf dem kleinen Balkon des Ateliers zeigt. Er lädt zum Hinsetzen ein, aber gleichzeitig wirkt er nicht leer, er ist wie ein Statthalter jener Person, die auf ihm sitzen könnte, und genießt die Sonne und die frische Luft im Freien. Auch die Schuhe, die die Künstlerin paarweise auf hochgestellten Flächen gleichsam präsentiert, erinnern an die magischen Schuhe der Judy Garland im Wizard von Oz. Wen würde es wundern, wenn sie auf einmal von der Bildfläche in eine andere Wirklichkeit laufen würden? Manchmal sind sie auch unschlüssig in welche Richtung es gehen soll, einer weist nach links einer nach rechts aus dem Bild heraus.

Sehr charakteristisch ist die Malweise der Künstlerin, so locker und leicht ihre Bilder wirken, so technisch perfekt sind sie gearbeitet. Schon die Vorbereitung der Leinwände, die sie am liebsten selbst übernimmt, bedarf einiger Zeit und Muse. Da wird der Kreidegrund mehrfach aufgetragen, muss dazwischen trocknen, das braucht Zeit, aber der Aufwand lohnt sich. Die selbst grundierten Leinwände haben eine viel intensivere Tiefenwirkung, sind lebendiger als die flach wirkenden, fertig grundiert gekauften Bildträger. Die Leinwand kann besser  „atmen“, wie Brigitte Bruckner erklärt und schafft so eine bereits lebendige unterste Ebene, auf die dann die Motive gesetzt werden. Somit hinterlässt auch das Freilassen einzelner Stellen im Bild keine Leerräume, die Grundierung ist bereits Malerei an sich. Nun kommt der spontanere Teil der Arbeit, mit sicherem Strich werden Farbflächen gesetzt. Mit dicken Borstenpinseln wird die meist ziemlich flüssig gemachte Ölfarbe stellenweise richtig in die Leinwand eingearbeitet. Die Künstlerin liebt es den Widerstand des Bildträgers zu spüren. Doch dann gibt es Stellen wo sie locker lässt, wo die Farbe einfach skizzenhaft stehenbleibt oder hinunterrinnt und den Dingen ihr Lauf gelassen wird. Dadurch wird eine Spannung im Malerischen erzeugt, die schon in der Ambivalenz der dargestellten Motive angelegt ist.

So wie die Dinge in ihren Bildern in Diskurs miteinander treten, so ist aber auch ein Diskurs mit dem Werk ihres verstorbenen Mannes Josef Mikl spürbar. Das fängt mit der bewussten Gegenüberstellung einzelner Arbeiten beider Künstler an den Wänden der Wohnung Brigitte Bruckners an. Plötzlich sieht man da Verwandtschaften, die man zunächst nicht vermutet hätte. Eine Miklsche „Amaryllis“ hängt da neben einer von Brigitte Bruckner. Nicht gleichzeitig sind sie entstanden, obwohl man sich manchmal, wie sie erzählt, fast um Motive gerauft hat, aber die dem Bild zugrundeliegende Struktur weist frappierende Parallelen auf. Ist seine Darstellung aufgelöster, „abstrakter“, so ist aber das Ausbalancieren von vertikalen und horizontalen Elementen, das Austarieren von gefüllten und „leeren“ Flächen im Bild in beiden Arbeiten gleich. Noch spannender wird es, wenn nun thematisch zunächst kein Bezug hergestellt werden kann. Aber sieht man einen Stuhl, über dessen Lehne eine rote Jacke hängt, von Brigitte Bruckner und vergleicht es mit den um 2000 entstandenen Figurenbildern Josef Mikls, dann scheint es umso einleuchtender, dass sich das Werk zweier Künstler, die lange Jahre ihres Lebens miteinander geteilt haben, bei allen Unterschiedlichkeiten, doch nicht ganz voneinander trennen lässt. Die Farbformen richten sich entlang einer unsichtbaren Achse empor, die gleich einer Wirbelsäule die Last der Komposition trägt. Das Verhältnis von Form zu Bildgrund ist gleich, trotz stellenweise flächigen Farbauftrags entsteht eine Tiefenwirkung, die durch skripturale Elemente akzentuiert wird. Auch das den gesamten Bildraum erfassende Licht deutet auf ein doch seelenverwandtes Empfinden hin.

Es sind sehr persönliche Bilder, in denen uns Brigitte Bruckner immer ein Stück ihrer selbst und ihres Lebensraumes preisgibt. Es sind belebte, lebendige Bilder, wenngleich der Mensch, abgesehen von den wenigen Portraits ihre Tochter oder ihres Mannes, bewusst weggelassen wird. Die Dinge an sich sind beseelt, erzählen Geschichten und sind Träger von Erinnerungen und Emotionen.